Die Darstellung eines menschlichen Gesichts ist zunächst mal ein Portrait, gemalt oder fotografiert. Wenn der Auftraggeber auch der Portraitierte ist, dürfte ein repräsentativer Zweck dahinterstecken. Will sagen, der Portraitierte möchte auf die Betrachter des Bildes einen möglichst guten Eindruck machen.
Der Hersteller des Portraits trachtet danach, diesen Wunsch zu erfüllen, denn zufriedene Kunden empfehlen die nächsten Kunden. Also setzt er seinen Auftraggeber beispielsweise in vorteilhaft diffuses Licht, das die Falten gnädig weichzeichnet; oder er wird so im Raum platziert, dass 40 Kilogramm des Übergewichts wie zufällig hinter einem Kulissenteil verschwinden; und für den letzten Schliff gibt es etwas Photoshop. So weit, so nachvollziehbar.
Ein solches Portrait ist also nicht nur keine Karikatur, sondern mehr oder minder geschönt, auch, indem unvorteilhafte Eigenschaften vermindert, vermieden, entfernt werden.
So eine Art Gegenteil des gestellten Portraits ist der Schnappschuss, der allerdings ebenso unvollständig ist: Da es sich um eine spontane Momentaufnahme handelt, ist die Summe, das Zusammenspiel aller Umstände im Moment der Aufnahme höchstwahrscheinlich einzigartig, und trotzdem erlaubt diese Abbildung womöglich mehr als eine Interpretation; das ist zunächst mal weder gut noch schlecht, sondern lediglich nicht sehr objektiv.
Anhand dieser beiden ausgeprägten Bespiele wird deutlich, dass unterschiedliche Blickwinkel, unterschiedliche Formen der Darstellung auch unterschiedliche Wahrnehmungen herstellen.
Grundsätzlich kann keine bildnerische Darstellung mehr als nur eine ungefähre Annäherung an das Wesen der dargestellten Person sein, denn selbstredend bedarf es dafür noch einiger anderer kognitiven Mittel. Ansonsten sehen wir nur, was wir sehen wollen; und wir wollen es sehen, weil wir es erwarten.
Diese Schlussfolgerung mag auf den ersten Blick offensichtlich wirken; trotzdem hat das Foto für viele von uns den Nimbus von unbestechlicher Objektivität, weil wir erwarten, dass es nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zeigen kann. Aber eben nicht die ganze Wahrheit.
Ich strebe mit der Karikatur nach einer möglichst „objektiven Wahrhaftigkeit“ der Darstellung. Paradoxerweise ist mein wichtigstes Werkzeug dazu die Übertreibung, die ihrem Wesen nach aber subjektiv ist. Weil sämtliche Größen eines Gesichts objektiv in Millimetern messbar sind, liegt jede Abweichung von diesen Maßen, jede Übertreibung im subjektiven Ermessen des Künstlers.
Ich definiere also Form und Ausdruck subjektiv und erzeuge dadurch eine objektive Ähnlichkeit für den Betrachter.
Genau wie ein Portrait mit ausdrücklich ernsthaftem Anspruch ist die Karikatur eine besonders ausgeprägte Darstellung, die eine bestimmte Wahrnehmung herstellt. Nur wird dem Betrachter die spezielle Ausprägung der Karikatur, nämlich die Übertreibung, unmissverständlich vor Augen geführt, also kann er sie bewusst unter diesem Vorbehalt sehen.
Vom Foto erwartet der Betrachter dagegen eine Objektivität, die kaum erfüllt werden kann.
Da ich Personen des öffentlichen Lebens portraitiere, haben alle Betrachter eine ähnlich gute Ausgangssituation, um das Ergebnis beurteilen zu können. Das wäre ihnen bei einem unbekannten Gesicht nicht möglich. Im Idealfall kann der Betrachter die Karikatur sogar leichter einer Person X zuordnen, als den leibhaftigen Anblick der Person X selbst. Das ist weniger merkwürdig, als es sich liest: Wenn wir Menschen in einem ungewohnten Kontext begegnen, ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass wir sie erst auf den zweiten Blick erkennen.